Interview mit Richard Löwenstein (vom 02.11.2013)

Die meisten Retro-Gamer dürften dich noch als Redakteur der Spielezeitschriften Amiga Joker und PC Joker kennen. Erzähl doch mal ein bisschen über den Anfang deiner Karriere als Spieleredakteur beim Joker-Verlag. Wie kamst du an den Job?

Richard Löwenstein: Ich glaube es fing alles damit an, als ich ungefähr 12 Jahre alt war. Damals habe ich von meinen Eltern einen TI-99/4A zu Weihnachten geschenkt bekommen und wenig später dann auch einen C64. Auf letzterem habe ich einige Jahre später auch selbst Spiele programmiert. Unter anderem für Zeitschriften wie die Happy Computer oder das 64er-Magazin. Dabei sind sogar drei Listings des Monats herausgesprungen (Anm. der Red.: abgedruckter Programmcode, den man zu Hause auf seinem Computer abtippen konnte). Dafür gab es damals auch noch richtig viel Geld. Ich glaube, das waren so an die 3000 DM. Auf diesem Weg bin ich auf jeden Fall mit dem Markt+Technik-Verlag in Kontakt gekommen. Nachdem ich mich mit den Leuten des Verlags ein paar Mal getroffen habe, durfte ich auch erstmals einen eigenen Text verfassen. Ich glaube das war ein Bericht über eine Video-Anwendung für den Amiga, namens „Fantavision“. Das hat mir damals auch richtig Spaß gemacht. Als ich dann wenig später meine Lehre als Industriekaufmann beendet hatte, habe ich mich parallel beim Joker-Verlag und Markt+Technik (konkret bei der Power Play) beworben, denn praktischerweise hatten beide Verlage ihren Sitz in der Nähe von München (in Haar). Der Joker-Verlag war allerdings schneller - und so gings dann eigentlich los, mit meiner Karriere als Spielejournalist. Zu Beginn habe ich überwiegend Artikel für den Amiga Joker geschrieben, da ich mich zu dieser Zeit sehr für Commodores Heimcomputer interessierte. Später dann aber natürlich auch für den PC Joker. Nach ein paar Jahren wurde ich dann sogar Chefredakteur von beiden Magazinen. Was mir in all der Zeit übrigens mit am meisten Spaß gemacht hat, war die Arbeit an unseren Sonderheften zu den aktuellen Konsolenspielen (die Zeitschrift hieß Megablast).

 

Ich habe mir als Jugendlicher den Job als Spieletester ungemein aufregend und spaßig vorgestellt. Den ganzen Tag nach Herzenslust zocken und dann ein paar lockere Zeilen darüber schreiben. Wie sah dein Alltag damals wirklich aus und mit welchen Problemen musstet ihr euch rumschlagen? Schließlich gab es noch kein Internet oder E-Mails.

Richard Löwenstein: Grundsätzlich war der Alltag eines Spieletesters damals viel entspannter als heute. Man hat die Spiele von den Herstellern zugeschickt bekommen, hat sie ins Diskettenlaufwerk geschoben und erst mal drauf los gespielt. Anschließend haben wir dann über unsere Eindrücke geschrieben. So gesehen war das im Prinzip wirklich so, wie du dir das vorgestellt hast. Aber zusätzlich hierzu hatten wir natürlich noch weitere Aufgaben, wie zum Beispiel das Beantworten von Leserbriefen oder regelmäßige Redaktionssitzungen. Natürlich haben wir den anderen Kollegen auch mal über die Schulter geschaut, wenn sie gerade ein interessantes Spiel gezockt haben. Man hat sich eben sehr viel untereinander über die Titel ausgetauscht. Wie viel Zeit schlussendlich jeder mit Spielen verbracht hat, hing sehr stark davon ab, welche Pflichten man zusätzlich innerhalb der Redaktion hatte. Ich habe mich dann beispielsweise sehr viel mit der Seitenstruktur und dem Layout befasst. Einer der wichtigsten Jobs war aber definitiv die Pflege unserer Kontakte zu Herstellern und Geschäftspartnern. Nachdem ich dann nach und nach immer mehr Verantwortung im Verlag übernommen habe, blieb mir auch immer weniger Zeit zum Spielen. Als ich schließlich Chefredakteur wurde, haben dann vor allem meine Kollegen gespielt. Die Titel, die mich wirklich interessiert haben, wie zum Beispiel ein Turrican, habe ich dann eben zu Hause nachgeholt. Zum Thema Technik kann ich dir noch sagen, dass wir für die Bildschirmfotos damals eine Dunkelkammer in der Redaktion hatten, in der zwei Amigas standen, die mit einer sogenannten Prozessorbremse ausgestattet waren. Damit konnte man den Amiga auf Knopfdruck auf 0 MHz herunterfahren und das Bild quasi einfrieren. Dadurch konnte man mit einer Kamera den Bildschirm relativ bequem abfotografieren und somit an Screenshots kommen. Das klingt zwar kompliziert, ist aber im Endeffekt nicht wesentlich zeitaufwendiger, als mit modernen Methoden, die heutzutage eingesetzt werden.       

Was brachte euch 1991 auf die Idee, neben einem Amiga Fachmagazin, auch noch eine PC Spielezeitschrift herauszubringen? Habt ihr damals bereits den Niedergang von Commodore und den gleichzeitigen Aufstieg des PCs als Spielmaschine vorausgeahnt?

Richard Löwenstein: Als wir den PC Joker erstmals veröffentlichten, entwickelte sich der PC bereits immer mehr zur Spielemaschine. Aufwendige Titel, wie zum Beispiel Wing Commander, wurden zu dieser Zeit schon angekündigt und somit war zumindest uns völlig klar, dass da eine Hardware heranwächst, die mindestens die gleiche Bedeutung als Spielemaschine erreichen kann, wie der Amiga. Ob unsere Prophezeiung dann auch wirklich so eintritt, war zu diesem Zeitpunkt natürlich noch nicht absehbar. Aber die Chance, die sich uns aus verlegerischer Sicht damals mit einem PC-Spielemagazin bot, wollten wir unbedingt nutzen. Zu Beginn haben wir bei der Produktion des PC Jokers auch sehr stark auf die Kosten geschaut und das Magazin erst mal in einer niedrigeren Auflage veröffentlicht. Glücklicherweise haben wir mit dem Amiga Joker zu dieser Zeit noch so viel Geld verdient, sodass wir es uns leisten konnten, das Risiko einzugehen. Nachdem sich der PC neben dem Amiga immer mehr als eigenständige Spiele-Hardware etablierte, liefen beide Magazine dann noch viele Jahre lang ziemlich gut und unser Mut wurde belohnt.

Die Pleite des Joker Verlags Anfang 2000 kam damals, vor allem für mich als Leser, sehr plötzlich und unerwartet. Ab wann war dir klar, dass es mit dem Verlag zu Ende gehen würde und was waren deiner Meinung nach die Gründe dafür? Haben die Verkaufszahlen so stark nachgelassen?

Richard Löwenstein: Für mich als Chefredakteur kam das Aus nicht überraschend. Der Joker-Verlag hatte bereits im Vorfeld immer wieder vergeblich versucht, mit anderen Projekten Geld zu verdienen. Wirklich traurig war ich persönlich aber vor allem einige Jahre zuvor, als der Amiga Joker eingestellt werden musste. Von dem drohenden Konkurs des Verlags wusste ich tatsächlich schon einige Monate vor dem endgültigen Aus. Ich durfte zu dieser Zeit aber natürlich nicht darüber reden. Bis zum Schluss stand es auf der Kippe, ob uns die Bank ein weiteres Darlehen gewähren würde, das wir dringend benötigten, um weiterhin für die hohen Kosten der Druckerei aufzukommen. Als ich Brigitta, die Frau des Verlegers Michael Labiner, dann eines Tages tränenüberströmt im Büro sitzen sah, war mir schnell klar, wie sich die Bank entschieden hatte und was jetzt passiert. Den Kollegen war das zu diesem Zeitpunkt aber noch nicht klar. Wir hatten die letzte Ausgabe des PC Jokers sogar schon komplett fertig gestellt. Aufgrund des Konkurses kam diese aber nie in den Druck. Ich habe unseren damaligen Layouter tatsächlich vor paar Wochen eine Mail geschrieben und ihn gefragt, was mit der Ausgabe geschehen ist. Er wusste es aber leider nicht mehr so genau. Falls die letzte Ausgabe doch noch auf irgendeiner Festplatte auftauchen sollte, gebe ich euch natürlich sofort Bescheid ;-)  

Wie ging es anschließend mit dir weiter und was machst du heute? Kurzzeitig warst du ja auch erneut als Chefredakteur bei der mittlerweile wieder eingestellten Spielezeitschrift Games ™ tätig.

Richard Löwenstein: Nach dem Konkurs habe ich mich selbstständig gemacht und ein Redaktions-Büro gegründet. Seit dem schreibe für verschiedene Medien über Videospiele. Unter anderem für T-Online, für die ich seit nun fast vierzehn Jahren tätig bin. Danach habe ich, wie du schon erwähnt hast, einige Zeitschriften gegründet, wie zum Beispiel die 360Live, die seit dem sehr erfolgreich läuft. Leider lief die Games ™ nicht ganz so erfolgreich und deshalb wurde das Magazin auch wieder eingestellt. Aus diesen Projekten habe ich mich aber vor drei Jahren verabschiedet. Anschließend habe ich auch mal wieder ein eigenes Spiel entwickelt (für das iPhone) und da mir das sehr viel Spaß bereitet hat, möchte ich in Zukunft auch wieder etwas in dieser Richtung machen. Aktuell arbeite ich als freier Redakteur und Projektleiter an zwei Sonderheften der Game Pro. Hierin dreht sich alles um den kommenden Launch der Xbox One und der PS4. Die beiden Magazine sollten Mitte November erscheinen.   

Vor allem Sony und Microsoft setzen immer mehr auf Online-Gaming und herunterladbare Spielinhalte. Physikalische Medien und der Wiederverkauf von gebrauchten Spielen gehören bald der Vergangenheit an. Wie siehst du die aktuelle Entwicklung des Konsolen-Markts? Werden wir in Zukunft immer noch alle paar Jahre für viel Geld für neue Hardware ausgeben müssen?

Richard Löwenstein: Dazu habe ich ehrlichgesagt gar keine konkrete Meinung. Es ist mir persönlich auch ziemlich egal, ob es in sieben Jahren noch eine neue Konsole von einem der großen Herstellern geben wird, oder nicht. Es wird in jedem Fall eine Hardware existieren, auf der man Videospiele spielen kann. Ob sich diese dann „Konsole“ nennt, oder beispielsweise OUYA, ist für mich nicht entscheidend. Wichtig ist mir vor allem, in welche Richtung sich die Software entwickeln wird. Wahrscheinlich wird in ein paar Jahren jede Armbanduhr theoretisch dazu in der Lage sein, richtig geile Games darauf laufen zu lassen, aber entscheidend wird nach wir vor eine gute Spielbarkeit sein. Damit ein Spiel wirklich Spaß macht, braucht man ein funktionierendes Steuerungsschema und ein einheitliches Eingabegerät. Das ist wiederum der größte Vorteil der Konsolen, im Vergleich zu den Smartphones. Die eigentliche Hardware, spielt dabei meiner Meinung nach aber eine untergeordnete Rolle.  

Zockst du heute auch noch ab und zu alte Spiele und wenn ja, ziehst du die Original Hardware vor, oder bevorzugst du Emulatoren?

Richard Löwenstein: Ich muss zu meiner Schande gestehen, dass ich alte Games mittlerweile meistens auf Emulatoren spiele. Wenn man, wie ich, eine Familie und einen stressigen Job hat, bleibt leider nicht mehr allzu viel Zeit dafür, die alten Konsolen aus dem Keller zu holen und aufzubauen. Wenn ich heute also mal die Lust verspüre, beispielsweise ein altes C64-Spiel zu zocken, tue ich dies am Rechner.